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Von der modernen Gefängnisphantasie zur Sammlung von Seltsamkeiten – das Panoptikum

Neulich nannte ich die aktuelle Versammlung von gesprächswütigen Menschen in einer pseudopolitischen Talkrunde am späteren Sonntagabend ein Panoptikum (und meinte damit die ausgesprochen merkwürdige und für mich nicht ernstzunehmende Zusammenstellung von Leuten, die meinten, was zur Finanzkrise zu sagen zu haben), da erzählte mir Nachbarin S., dass dieser Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung eigentlich den ersten Rundum-Disziplinarischen Gefängnisbau überhaupt bezeichnete, den wir dem englischen Juristen und Philosophen Jeremy Bentham zu verdanken haben.

Bentham (1748-1832) vertrat – jetzt mal ganz grob gesprochen – die Ansicht, dass das größte Glück der größten Zahl von Menschen das Gelbe vom Ei überhaupt sei. Will heißen: Ethisch richtig ist eine Handlung dann, wenn sie der größten Zahl von Menschen innerhalb einer Gesellschaft nutzt, ethisch falsch ist eine Handlung, wenn sie dieser größten Anzahl schadet (sowas nennt sich auch Utilitarismus und ist eine ziemlich interessante Theorie innerhalb der Ethik).

Sein Menschenbild ging so: Alle Menschen versuchen generell und überhaupt, lediglich ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Damit der Mensch, der auf eigene “Nutzenmaximierung” aus ist, nicht permanent anderen, die ja ihren eigenen Nutzen maximieren wollen, auf den Schlips oder die Stola tritt, braucht es eine Gesetzgebung, die nach “streng rationalen” Kriterien aufgebaut ist und die Leute dazu zwingt, der Allgemeinheit zu dienen. Strafen dafür, den eigenen Nutzen ein bisschen zu sehr maximiert zu haben, sollten weniger getanes Unrecht sühnen helfen, als eher durch Abschreckung (”Prävention”) dazu führen, dass ein Mensch freiwillig nicht nochmal die gesellschaftlich gesetzten Grenzen übertrat. (Und da sind wir ja dann wieder bei meinem Lieblingsthema: Wer legt fest, was die Allgemeinheit will, und das auch noch rational, und wer legt überhaupt fest, was rational ist???)

So ein Panoptikum war da eine prima Sache (und die Bauweise wurde tatsächlich nicht nur für Gefängnisse, sondern auch für Fabriken vorgeschlagen): In einem Rundbau befinden sich sämtliche Zellen an der Außenseite des Gebäudes. Zur Mitte hin erstrecken sich Gänge, durch die ein Kontroll-Mensch im Zentrum freie Sicht auf alle Gefangenen hat. Das Licht ist so konzipiert, dass der Kontroll-Mensch nicht, die Gefangenen umgekehrt aber durchaus für den Kontroll-Mensch gut erkennbar sind. In jede Zelle führt noch eine Röhre, durch die alles abgehört werden kann, was gesprochen wird – mit sich selbst oder den Nachbarn. Supi, ich weiß also nie, ob das Auge des Gesetzes (oder meines Arbeitgebers) gerade auf mir ruht und mir auch noch zuhört. Spitze! 1984 lässt grüßen, bloß halt schon ein bisschen früher und “nur” für unethische NutzenmaximiererInnen und Leute, die in der Fabrik schuften.

“Durch Benthams Konzept der Freiheit als Sicherheit wirken sich auch die gravierendsten Eingriffe des Staates in die persönliche Freiheit der Bürger nicht negativ auf ihre Freiheit aus: Sie bilden vielmehr die Voraussetzung der bürgerlichen Freiheit. Bentham forderte in diesem Zusammenhang nicht nur die Stärkung des Justizsystems und der Polizei, sondern auch die erkennungsdienstliche Tätowierung der Bevölkerung und den systematischen Einsatz von Spitzeln und verdeckten Ermittlern.” (Zitiert aus Wikipedia) — Irgendwie hab’ ich ja schon den Eindruck, dass unser aller Schäuble eigentlich ein Fan von Bentham sein muss …

Sehr spannend, das. Der französische Philosoph Michel Foucault bezeichnete eine solche Umgehensweise mit Strafgefangenen auch als typisch für eine westlich-liberale Disziplinargesellschaft.

OK, und heute haben wir also den Begriff des “Panoptikums” für eine “Sammlung von Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten”, mit der größtenteils Wachsfigurenkabinette gemeint sind.

Den gemeinsamen Nenner zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Dingen kann ich eigentlich nur sprachlich nachvollziehen in einer Erklärung des Wortes “Panoptikum” an sich, und da am allerbesten noch in den Ausführungen von Meyers Konversations-Lexikon, 1885-1892:

Panoptikum (griech.), eine »alles« zur Anschauung bringende Anstalt, …

Pa|nop|ti|kum, das; -s, …ken [zu griech. pãn = gesamt u. optikós (→optisch), eigtl. = Gesamtschau] …

Tja. Worüber ich dann aber doch sehr grinsen musste … und DAS kann’s aber doch echt nicht sein, oder? Oder doch? … Jedenfalls ließ Bentham, der Erfinder des Panoptikums, sich nach seinem Tod “auto-ikonisieren”, d.h. so mumifizieren, dass er der Nachwelt erhalten bleibt. Nu sitzt er heute noch mit Stock und Hut in einer Glasvitrine im University College in London und ist wohl von einem Insassen von Madame Tussauds Etablissement nicht wirklich zu unterscheiden.
Sonderbar, sehr sonderbar.

:°)

30. January 2009 » 2 Kommentare
  1. irgendlink sagt am 09. February 2009 um 23:17 Uhr:

    Einfach wäre: die Statistik legt fest, was die Allgemeinheit (die Mehrheit) will. Das wäre jedoch schrecklich. Man denke nur, was für Musik man dann hören müsste und welche Fernsehsender man schauen müsste. Igitt. Nieder mit der Allgemeinheit.

  2. kelly sagt am 31. January 2009 um 07:53 Uhr:

    “Utilitarismus” grrr – unaussprechlich, ein neues, altes unwort.
    mein persönliches problem, weil es auch ein bibelwort in der richtung gibt und ich x in die diskussion geraten bin.
    “suche der stadt bestes”, ecke nicht an!
    “eckstein sein” oder doch?

    die welt ist ein gesteuertes panoptikum.
    so eine kleine schneekugel auf dem bord, bei gelegenheit durchschütteln.

    ich glaub…
    bin nicht gut drauf.
    agressionen abreagieren, mal sehen was sich findet.

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