die schachteln
schöne überraschungen (???)
kaum hatte mir buzi gestern eine schöne überraschung gewünscht, da torkelte eine solche mir auch schon derart rasant über den weg, dass ich sie fast überfahren hätte.
es geschah auf dem rückweg vom einkaufen: etwa auf der höhe des hauses, in dessen vorgarten diverse blumentöpfe mit vertrockneten pflanzen rumliegen, zischte von links in schlangenlinien etwas auf mich zu, das lauthals mit einem schon ganz heiseren piepsstimmchen brüllte: haa-haaaalooooooooooo, hallohallohallo, nu halt doch ma AN, mann!!!”
vollbremsung mit dem fahrrad, die frühlingszwiebeln im rucksack hätten fast einen salto geschlagen.
vor mir stand eine streichholzschachtel. die umhüllung zitterte, das schublädchen bebte, so außer atem war sie. dann bekam sie auch noch einen hustenanfall.
“ächä ächa … tschullije … ächä …” würgte sie heraus, “uff. ächä … ähhhm,” haaa-tschi, schnief, “ähm, kannsse mich vielleich bitte ma … ächä … hochheben ausser jefahrenzone raus?”
ich hob sie auf und schaute sie mir genauer an. es war in der tat eine ganz triviale streichholzschachtel.
“wat kiekste? noch nie ne streichhozschachtel jesehn, oda wat?”
“doch, aber noch keine, die fast selbstmord unter meinem vorderrad begangen hätte und derart derb berlinert.”
“ach so, dette. na is so, wa?!”
“jo, scheint so.”
“jo.”
… sinnend starrten wir vor uns hin …
“und jetzt?”
“nimmsse mir mit?”
“wohin, zu mir nach hause?”
“na klar doch, ey?!”
“okai.”
sprachs und wollte sie schon in die tasche stecken. –
riesen gebrüll aus meine linken faust: “eeey, neee, so jeht det nich, so jeht det nich, mann, ick hab klaustrophobie, ey, du willss mir doch jetz nich in irjend sone dunkle stinkije jackentasche stecken, oda wie?”
“klaustrophobie, ja?”
“jaaa, mann ey!”
eine streichholzschachtel, die proll-berlinert und das wort “klaustrophobie” richtig anzuwenden weiß. soso.
“ja wie soll ick dir – ähm, ich meine, wie soll ich dich denn sonst mitnehmen, hä????”
“kannsse mir nich einfach auffer ausjestreckten hand mitnehm?”
“na wenn’s sein muss.”
“na also, mann, jeht doch, wa?! un nich so schnelle, ne, sonss fall ick wieda auffe schnauze und du biss schuld, mann!”
“ey, spuck mal nicht so große töne, du intelligenzbestie, sonst setz ich dich da in diesem großen, formschön orangen behältnis ab, wa, ähm, ich meine, kapiert!?!”
“wiiie mann, innen papierkorb tätste mir schmeißen? im ernst? nee. echt?”
“jaaaa EY, tät ich glatt machen, EY. und bevor ich’s vergesse: NENN MICH NICHT IMMER MANN, EY!!!”
“okee okee, tschullijung.”
“na also.”
nachdem nun die machtfrage für’s erste geklärt war, konnten wir ja endlich losmarschieren. das heißt, ich.
also: zum glück lebe ich ja in kreuzberg, nicht wahr, und da sehe ich oft weit seltsamere dinge als eine frau, die mit dem fahrrad langsam auf dem bürgersteig fährt, die linke hand weit von sich gestreckt, auf welcher eine streichholzschachtel thront, die die brust bis zum platzen rausstrecken würde, wenn sie nur eine hätte … trotzdem war ich froh, dass wir’s nicht weit hatten.
fortsetzung folgt.
14.4.05 11:53
schöne überraschungen II
seitdem sich diese streichholzschachtel kamikazeartig vor mein fahrrad schmiss und ich sie mit nach hause nahm, ist hier fast nix mehr wie vorher …
kaum hatte ich sie mit nach oben in das nest im fünften stock genommen, sauste sie auch schon wie von der tarantel gestochen durch die wohnung, um sich ALLES GANZ GENAU anzugucken (”boaah, ey, jelbe wände un jrüne wände und komische lampen, dette jefällt mir, hier bleeb ick!!!”), wirbelte die sonst eher trägen feuerzeuge ordentlich auf (”mann, wat seid ihr lahme säcke, da habter so ‘nen dollen balkon zum gucken und hängt auf eure plattärsche im bürro rum, so blöd muss mal eener sein, ey!”), flitzte rund um die pflanzen und über sämtliche regale –
und entdeckte dann die streichholzschachtel, die beim computer rumlag, seitdem ein kumpel sie dort vergessen hatte.
–
“wie? DU HIER???”
“ach neee, guck doch mal eener an”, vermeldete die bisher stumm und träge am computer sich fläzende in lässigem ton.
“oha. die nächste schachtel, die berlinert”, schoss mir durch den kopf. dann lehnte ich mich auf dem stuhl zurück, drehte mir eine kippe, steckte sie an und harrte der dinge, die da kommen mochten.
“ja wat machs du denn hier?? ick dachte, du bis aufm bau?”
“nee”, winkte die andere lässig ab, “schnee von vorjestern. is ‘ne lange jeschichte, erzähl ick dir mal wann anders. und wieso biste jetze hier? wolltste nich auswandern, nach neuseeland, oder wie war dette?”
“oooch, erinner mir nich dran, ey, kurz vorm einsteigen inne s-bahn nach schönefeld ausser tasche jefallen, wa, un dann hab ick mir durchjeschlagen bis hierher. nee, war nich schön, ey.”
“watn pech.”
“ihr kennt euch also”, unterbrach ich den dialog.
“joo, vom sehn, ausser disse am alex. er lag immer auffer einen seite vonner theke, icke immer auffer anderen seite. ham uns immer mal inne mitte jeschmuggelt un’n bisschen erzählt. irjendwann kam er dann nich mehr un icke hab mir dann auch ausm staub jemacht”, ließ sich die computer-schachtel herab zu berichten.
“dette is der … ey samma, wie heeßte eijentlich?”
“hbknnm-m.”
“WAT???”
“ick hab keen naam”, murmelte das findelkind jetzt gerade so an der verständnisgrenze, und hätte es einen mund gehabt, hätte das schüppchen bis zum boden gereicht.
“ooch nu heul doch nich gleich, dann suchen wer jetze een für dich. wie willsse denn heißen, so?”
“j-k.”
“HÄ? sprich ma lauter, biss doch sonst ooch nicht auffe lippe jefallen, mann!”
“jöak.”
“WIE BITTE??? JÖAK? wasn dette fürn name, ey?!!”
“na wie der jöak fontorra ausse glotze, der imma die lustijen sachen bei de fussballspiele ablässt, mann. ick find den echt klasse, ey. mann.”
“au scheiße, echt? DEN findste gut??? ick fasset nich, ey! wo haste dir denn bloß rumjetrieben, mann, datte dir so ‘nen verkorksten jeschmack einjefangen hast – mannomannomannomann … ick -”
“jetzt reg dich mal ab”, unterbrach ich die computer-tante, bevor sie sich noch vollends reinsteigern und womöglich einen zimmerbrand verursachen würde. “geschmack ist geschmackssache; weißt du doch, wenn du schon länger hier rumhängst, und kann ja nicht jede direkt aus der volksbühne ausbüchsen wie du. jetzt lass mal deinen namen hören.”
kurz sank die computer-schachtel ein ganz kleines bisschen in sich zusammen. dann aber reckte sie sich so hoch auf, wie fünf zentimeter das eben so können, und verkündete mit fanfaren in der fiepstimme:
“TILLY!”
“TATÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!” entfuhr es mir spontan; nach einem blick auf die völlig entrüstete schachtel drückte ich dann doch lieber gleich noch ein kichernd-genuscheltes “tschullijung, ismirnursorausgerutscht” hinterher. chrchrchrihihihi … tilly … grün … spüli … achtziger … schlecht … öhäm oder … “bisschen zu viel wallenstein abbekommen, oder wie?” — tilly verstand da keinen spaß, das merkte ich ihrer ganzen haltung an. war wohl doch eher wallenstein gewesen …
seitdem leben wir hier zu dritt: jöak, marke “riesaer zündhölzer”, tilly, marke “www.volksbuehne-belin.de” und ich, marke “unentwegt”. jöak lebt jedes hörspiel, das hier läuft, geradezu beängstigend körperlich mit, und tilly sitzt oft neben mir am computer und sondert schlaue sprüche ab über das, was am bildschirm flimmert. jöak schubbert mir die krümel aus staubsauger-unzugänglichen nischen zu und tilly ist spezialistin im dirigieren von lampen-anschließ-aktionen. jöak bringt tilly ein ständchen und tilly nimmt es huldvoll entgegen. tilly tröstet jöak, wenn den mal wieder das fernweh packt.
jöak und tilly bringen mich oft zum lachen, wenn sie wie die irren durch die wohnung stobern, weil jöak tilly oder tilly jöak an einer empfindlichen stelle gezwickt hat. manchmal muss ich die beiden auch bremsen, etwa, wenn sie die feuerzeuge just for fun vom einen ende des regals zum anderen jagen. eines hat nach so einer aktion schon den letzten schnaufer getan und ist in den papierkorb gekippt. das geht natürlich nicht, schließlich brauch ich die dinger noch.
jöak und tilly saßen gestern einträchtig nebeneinander auf der tischkante (hätte sie beine, hätten die gebaumelt) und klatschten nach meiner “ICH BIN SCHLECHT GELAUNT, ICH SCHREI HIER JETZT MAL ‘NE RUNDE RUM”-darbietung beifall. manchmal verziehn sie sich irgendwohin und dann ist nur noch hölzchenklappern zu vernehmen … ich frag mich, was ich irgendwann mal mit ‘nem ganzen wurf streichholzschachteln anfangen soll …
nachdem nun gestern im myblog-raum die gefahr erkannt wurde, dass womöglich diverse bloggerInnen in der myblog-zentrale festgehalten werden (und heute der erste fall von verlust eines ganzen sonntags an die öffentlichkeit sickerte), fragte ich sie, ob sie nicht in ganz geheimer mission der blog-welt einen riesen dienst erweisen und zur aufklärung der mysteriositäten beitragen wollen.
jöak war gleich feuer und flamme :”JAAA, da brauchenwer dann pistolen un degen un zaubersprüche un dunkle anzüge un jewehre un nen heißluftballon un nen totempfahl!!!!!”, hibbelte er mir vor der nase rum. ich glaube, ich sollte die auswahl meiner hörspiele mal gründlich überdenken. zum glück holt tilly ihn immer wieder auf den boden der tatsachen zurück.
jetzt üben sie hier schonmal schleichen.
in der zeit kann ich mir ja vielleicht dann doch mal gedanken darüber machen, wie wir möglichst unauffällig das terrain hinter der tür abchecken und wie wir uns dann in DIE ZENTRALE schmuggeln. und über die pinguine lohnt es, sich auch gedanken zu machen. und über blog-vierecke im 99. untergeschoss …
18.4.05 21:17
DIE nachricht des noch jungen tages:
soeben bin ich nenn-tante dreier niedlicher kleiner streichholzschachtelkinder geworden.
die glücklichen eltern jöak und tilly lassen grüßen.
:°)
3.6.05 02:21
streichholzschachtelgewitter
jöak, tilly und ihre drillinge stehen im regen auf dem balkon und lassen sich abduschen — jede schachtel eingehüllt in ein kleines, durchsichtiges plastiktütchen.
einmal im jahr, meinen sie, muss das sein, das gewitterduschen.
kann ich gut verstehn.
:°)
21.6.05 23:27

